Gedanken zum Weihnachtsfest


Foto (c) Krippenherberge Wildermieming
Foto (c) Krippenherberge Wildermieming

Liebe Krippenfreundinnen!

Liebe Krippenfreunde!

 

Ich beobachtete einmal, wie ein junger Vater mit einem kleinen Kind an der Hand in die Kirche kam. Beide steuerten sehr zielsicher zur Krippe hin. Der Knirps stand wie versteinert vor diesem Kunstwerk und sein Vater deutete mit seiner Hand hin und her. Eine Zeitlang habe ich den beiden zugeschaut. Was sie gesprochen haben, habe ich nicht verstanden. - Doch nun eine Frage: Was tut wohl ein Kind vor der Krippe? - Es schaut. Es stellt Fragen und es staunt! 

 

Diese kleine Krippenszene hat mich inspiriert! Auch als Erwachsener möchte ich mir diese kindliche Haltung bewahren! Auch wir dürfen vor der Krippe schauen, Fragen stellen und staunen! Wenn ich sage: „vor der Krippe“, dann meine ich natürlich vor dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes!  

Was sehen wir also? Beim ersten Hinschauen zunächst: eine kleine Welt. Maria und Josef und dazwischen das Kind in der Krippe. Dahinter Ochs und Esel und davor einige bodenständigen Hirten mit ihren Schafen. Für uns heute fast eine Idylle; damals allerdings eine beinharte Realität: abgeschoben und ausgeladen musste Maria ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen. Wenn da nicht die Engel ihre Stimme erhoben hätten, wäre die Bitterkeit grenzenlos gewesen!

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordet wurde, hat es so ausgedrückt: „Von der Geburt eines Kindes ist die Rede, nicht von der umwälzenden Tat eines starken Mannes; nicht von der kühnen Entdeckung eines Weisen; nicht vom frommen Werk eines Heiligen … Die Geburt eines Kindes soll die große Wendung aller Dinge bringen!“ 

Was es mit diesem Kind auf sich hat, hören wir aus dem Mund des Engels, der zu den Hirten gesagt hat: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr“ (Lk 2,11)! Der große Evangelist Johannes drückt es in poetischer Sprache so aus: „Und das Wort ist Fleisch, d.h. der Sohn Gottes ist ganz einer von uns, eben ein Mensch aus Fleisch und Blut, geworden“ (vgl. Joh 1,14)! 

 

Wir dürfen also schauen, aber auch Fragen stellen! Und Fragen kommen uns dabei mehr als genug. „Wieso ist Gott Mensch geworden? Warum ausgerechnet ein Kind? Warum diese erbärmlichen Begleitumstände, diese bittere Armut? Wieso hat die große Welt von diesem Ereignis kaum Notiz genommen? Was ist aus diesem Kind in der Krippe geworden? Was hat sich seit Betlehem geändert? usw. Also Fragen über Fragen. Ich kann sie nicht ausreichend beantworten. Ich versuche nur, einige Anmerkungen zu machen.

Gott ist aus Liebe, aus Sehnsucht zu uns Mensch geworden; weil er nicht wollte, dass wir uns - als seine Geschöpfe - noch weiter von ihm entfernen! Denn seit dem Sündenfall von Adam und Eva besteht ein schmerzlicher Riss zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Um diesen Riss sozusagen zu reparieren, wagt Gott das für uns Unbegreifliche: ER wird Mensch, ganz einer von uns, auch auf die Gefahr hin, dass wir dieses unüberbietbare Zeichen seiner Liebe nicht erkennen oder sogar missbrauchen! 

Doch nicht genug damit: Gott wird sogar ein wehrloses Kind! Wieso eigentlich? Damit wir keine Angst haben vor IHM! Erkennen wir also das Motiv seiner Menschwerdung? Es ist, um es noch einmal zu sagen, seine unbegreifliche Liebe zu uns! - Weihnachten ist also mit anderen Worten: Das JA Gottes zu uns Menschen! Zeichen dafür ist das göttliche Kind in der Krippe, das uns anschaut und anlacht, das auf unsere Liebe und Antwort wartet! 

 

Auf einem Weihnachtsbillet, das ich bekommen habe, ist eine Krippe mit Stofffiguren abgebildet. Ganz nahe beim Jesuskind steht, bzw. sitzt eine Figur im Rollstuhl. Das hat mir zu denken gegeben! Diese Figur vertritt wohl alle, die krank, behindert, ohnmächtig, arm, voller Angst und ohne Hoffnung sind; alle, in deren Leben etwas gebrochen und zerbrochen ist, die keinen Ausweg wissen und keine Zukunft sehen. 

In dieser Figur im Rollstuhl tritt die unerlöste Welt vor den Erlöser! Wie unerlöst, gefesselt und gefangen wir sind, wird uns dann bewusst, wenn wir an die Kriege, Terroranschläge, Gewalttaten, an die Pandemie usw. denken, die uns heimsuchen. 

Was wird wohl das Kind in der Krippe zu diesem Menschen im Rollstuhl sagen? Es wird sagen: „Gerade für dich und für alle, die leiden, die schwach und arm sind, bin ich Mensch geworden! Schenk mir dein Herz! Ich will es füllen mit meinem Licht, mit meiner Hoffnung, mit meinem Leben und mit meiner Freude!

 

Weihnachten ist also, wie gesagt, das JA Gottes zu uns Menschen! Wer nun diesem Emmanuel, diesem Gott mit uns, wirklich begegnet, der wird hoffentlich motiviert, diese Liebe Gottes weiterzugeben. Denn die Menschenfreundlichkeit Gottes soll durch uns fortdauern! So kann Weihnachten weitergehen! 

Jener junge Vater mit seinem Sprössling vor der Krippe hat mich auf diese Ge-danken gebracht! Möge diese kleine Krippenszene uns alle motivieren, in Demut auf den Erlöser in der Krippe zu schauen, vor ihm unsere Fragen und unser Leben auszubreiten und darüber zu staunen, was Gott Großes an uns getan hat und auch heute tut! Denn ER ist auch für uns Mensch geworden!

                                                       

Weihbischof Dr. Hansjörg Hofer

Geistlicher Beirat des Verbandes der Krippenfreunde Österreichs