Liebe Krippenfreundinnen!
Liebe Krippenfreunde!
Der österreichische Dichter Stefan Zweig schrieb 1928 eine Reihe von Erzählungen, die er in einem Buch herausgegeben hat mit dem Titel „Sternstunden der Menschheit“. Er beschrieb darin schicksalsträchtige Stunden, die für einzelne und für die Menschheit von bleibender Bedeutung waren: wie etwa die Niederlage Napoleons bei Waterloo, die Entdeckung des Pazifischen Ozeans oder auch das erste Telefonat über den Ozean 1858.
Was er allerdings nicht erwähnt hat, was aber für uns Christinnen und Christen die Sternstunde der Weltgeschichte war und ist, das ist die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Damals ging in der Tat für die Welt ein neuer Stern auf, dessen Licht bis heute nicht verblasst ist. Freilich ist es auch heute so wie damals, dass nur wenige diesen Stern bemerken. Damals waren es drei Sterndeuter aus dem Osten, die den Stern entdeckten; die ahnten, was dieser Stern bedeutet und die sich auf den Weg gemacht haben, den neu geborenen König zu suchen.

Es besteht kein Zweifel: Sternstunden gibt es auch im eignen Leben. Stunden, in denen einem ein Licht aufgeht, in denen man plötzlich Zusammenhänge begreift oder einen Durchbruch schafft.
Sternstunden bringen Bewegung ins Leben - wie bei den Sterndeutern. Sie lassen neu aufbrechen, Altgewohntes hinter sich lassen, sie lösen aus der Erstarrung und leiten neue Entwicklungen ein.
Da kommen die drei Sterndeuter ihrer Verheißung gemäß nach Jerusalem, suchen Auskunft, erzählen von ihrer Sternstunde und fragen: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“
Und was ist die erste Reaktion von König Herodes und von ganz Jerusalem? Ist es Freude, unbändige Freude, weil offenbar die alte Verheißung, auf die sie schon so lange warten, sich nun erfüllen sollte? - Nein! „Da erschrak Herodes und ganz Jerusalem mit ihm“, berichtet die Hl. Schrift (Mt 2,3). Herodes und offenbar viele um ihn herum sind so mit sich beschäftigt, dass ihnen eine andere Entwicklung, gleich welcher Art, gar nicht in den Kram passt. Herodes ist so um seine eigene Erscheinung besorgt, dass er sich vor der Erscheinung des Herrn fürchtet. Seine Reaktion ist darum dementsprechend: er will dieses Kind, diesen Störenfried seiner sich selbst aufgebauten Welt, aus dem Weg schaffen und töten.
Ich meine, was wir hier bei König Herodes in extremer Form beobachten, das gibt es auch bei uns oder? Denn jeder hat sich seine Welt aufgebaut, seine Gedanken zurechtgelegt, seine Wohnung, sein Leben eingerichtet. Und keiner lässt sich da gerne stören. Je älter wir werden, umso mehr sich wir geprägt, auch festgefahren im Guten wie im Negativen.
Entwicklung und Reifung aber heißt genau das Gegenteil! Nämlich auf dem Weg bleiben; bereit sein, sich zu ändern! Das heranwachsende Kind im Mutterleib muss eines Tages diesen Ort der Geborgenheit verlassen, um weiterwachsen zu können. Aus dem Kind muss in der Pubertät ein Mann, eine Frau werden, sonst bleibt es in der Entwicklung zurück.
Sternsunden sind Stunden, in denen wir aufbrechen aus alten Geleisen. Denn die Wirklichkeit ist ungemein größer als unser eigener Horizont. Wer nicht bereit ist aufzubrechen, auch liebgewonnene Gewohnheiten und liebgewordene Gedanken hinter sich zu lassen, der bleibt zurück.
Die Hohepriester und Schriftgelehrten wissen sofort die Antwort auf die Frage: „Wo ist der neugeborene König der Juden, wo soll er zur Welt kommen?“ - In Bethlehem, sagen sie. So steht es in der Schrift. Sie wissen sogar, wo es steht. Aber es reißt sie nicht vom Hocker. Sie bleiben sitzen und lassen die Weisen gehen. - Man kann offenbar genau Bescheid wissen, auch über Gott, ohne sich auf den Weg zu machen.
Kennen wir das nicht auch aus der eigenen Erfahrung? Ich weiß, ich sollte nicht rauchen, nicht so viel trinken, nicht ständig alte negative Erfahrungen aufwärmen; ich weiß, ich sollte mehr Zeit für mich, für meine Familie, fürs Gebet haben. Wir wissen es, aber ändern tut sich dann doch nichts! Es muss zum Wissen offenbar noch etwas dazukommen, damit wir in uns gehen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen.
Solche Gedanken kommen einem, wenn man den Bericht der Bibel über die Sterndeuter, die im Volksglauben bald schon zu den „Heiligen Drei Königen“ mutiert sind, näher betrachtet. In der Liturgie der Kirche heißt der Dreikönigstag offiziell „Fest der Erscheinung des Herrn“. Wir feiern dabei den Glauben der Kirche, wonach Jesus nicht nur dem jüdischen Volk, sondern der ganzen Welt als Sohn Gottes und Heiland der Menschheit erschienen ist.
Weihbischof Dr. Hansjörg Hofer
Geistlicher Beirat des Verbandes der Krippenfreunde Österreichs
